Deutschland Bayern Lkr. Tirschenreuth

Rosall / OT von Wondreb


die andere Seite

Zustand 2004
Einzeichnung mit
Kreide nachgezogen

Abbildung bei
Frahsek (1982)
Foto: Fähnrich

PLZ: 95643

GPS: N 49° 55,452', O 12° 22,265'

Standort: Das Steinkreuz steht südlich von Rosall, 12m östlich der Kreisstraße TIR 4 nach Wondreb in der Nähe des Abzweigs zur Holzmühle. Es findet sich am ehemaligen Weg zur Hendlmühle, ca. 25m vor dessen Einmündung in die Kreisstraße auf Flur-Nr.352, Gemarkung Rosall.

Größe / Material: 101:50:18 / Granit

Geschichte: Benennung: "Käsweibl“.

Südlich von Rosall (Gemeinde Wondreb, Landkreis Tirschenreuth) steht ein Steinkreuz 12m ostwärts der Straße nach Wondreb am Weg zur Hendlmühle, ca. 25m vor dessen Einmündung in die Kreisstraße auf Flur-Nr. 352, Gemarkung Rosall. Das aus Granit gehauene Kreuz ist 1m hoch, 50cm breit und 18cm dick. Leider fehlt ein Kreuzbalken, und das Kopfstück ist leicht beschädigt. Auf der zum Wald gekehrten Seite entdeckt der interessierte Betrachter eine primitive figürliche Darstellung, deren Deutung bisher Schwierigkeiten bereitete. Beim Nachzeichnen der Konturen kam folgendes zum Vorschein: Ein Mensch in langem Gewand, die Hände übereinandergelegt, Arme leicht angewinkelt und Augen eindeutig geschlossen. Der Gegenstand, der diesem Menschen in die rechte Brustseite eindringt, soll nach Meinung von Prof. Dr. Azzola einen Armbrustbolzen oder eine Lanzenspitze darstellen. Vermutlich mußte also ein Totschläger zur Sühne dieses Kreuz aufstellen. Im Volksmund heißt das Steinkreuz "Käsweibl". Dieser seltsame Name hat nach Aussagen alter Rosaller Bürger eine Erklärung: Eine Gottesdienstbesucherin soll während der hl. Wandlung einen "Kasballen" (Quarkballen) gegessen haben und daran erstickt sein. Der wahre Grund für die Errichtung des Kreuzes dürfte aber eher der erstere gewesen sein, die Sage dürfte erst später dazugedichtet worden sein. (Frahsek 1982)

Rohes Kreuz mit abgeschlagenem Kreuzbalken (n) und beschädigtem Kopfstück. Schauseite (von der Straße her) ohne Zeichen. Auf der zum Wald gekehrten Seite findet sich eine primitive figürliche Darstellung, die auf Grund ihrer Verwitterung kaum mehr gedeutet werden kann. Die nur noch schwach sichtbaren Konturen zeigen einen Gegenstand (Gewehrlauf?), der auf einen Menschen gerichtet ist. In der lokalen Sage bleibt dieses Motiv seltsamerweise unbeachtet, so daß mit einiger Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, daß diese Einmeißelung nicht original ist (oder, falls dies nicht zutrifft, anders gedeutet werden muß). (Schmeissner 1977)

Sage: Im Volksmund heißt das Steinkreuz "Käsweibl". Dieser seltsame Name stammt nach Aussagen alter Rosaller Einwohner daher, weil eine Frau in besagtem Ort während der hl. Wandlung (hl. Messe) einen "Kesballen" (Quarkballen) gegessen habe und daran erstickt sei (Mitteilung von Bürgermeister Zölch, Gemeinde Wondreb, vom 19.3.1974). (Schmeissner 1977)

Quellen und Literatur:
Schmeissner, Rainer, H. - Steinkreuze in der Oberpfalz, 1977, TIR 45, S.271-272
Frahsek, Bernhard - Das "Käsweibl" von Rosall, in: Beiträge zur Flur- und Kleindenkmalforschung in der Oberpfalz, 5.Jg. 1982, S.32
Fähnrich, Harald - Das Steinkreuz "Kasweibl" bei Rosall (Tirschenreuth), in: Steinkreuzforschung, Sammelband Nr.17 (NF 2), 1990, S.34-36
recherchiert und bebildert von Paul Basler, Schwarzenbach / Saale (Fotos von April 2009 und 2004)



Das Steinkreuz "Kasweibl" bei Rosall (Tirschenreuth)
von Harald Fähnrich

   Südlich von Rosall, neben der Staatsstraße am alten Weg zur Hendlmühle steht ein Steinkreuz. Ein Kreuzarm ist abgeschlagen. Die Sage erzählt, eine Magd des "Krausenbauern" in Rosall war sonntags zu Hause geblieben um zu kochen und um das Haus zu bewachen. Während der Wandlung in der Pfarrkirche zu Wondreb hatte sie einen "Kasbolm" (Quarkballen) gegessen und war daran erstickt. Deswegen wurde ihr am Kirchweg der Rosaller nach Wondreb an genannter Stelle ein Steinkreuz gesetzt.1)

   Der pädagogische Akzent ist klar: Bei der Wandlung hätte die Frau das Kreuzzeichen machen sollen, wie es frommer Volksbrauch war. Doch zweierlei ist nicht stimmig: Man kann in Rosall die Kirchenglocken (von Wondreb) nicht hören; warum also das Steinkreuz einen Kilometer von der Freveltat entfernt setzen? Die Sage dürfte sekundärer Art sein: Am Kreuzesstamm meint man eine Frau mit langem Rock - in Umrissen eingemeißelt - zu erkennen. Die Untersuchungen im Jahre 1981 ergaben jedoch, daß ein männlicher Toter in Umrissen in den feinkörnigen und ortsfremden Granit eingemeißelt ist: Überkreuzte Hände, ein lanzen- bzw. pfeilähnlicher Gegenstand ist in die rechte Brustseite eingedrungen. Eine Veröffentlichung von B. Frahsek darüber ist inzwischen ergänzungsbedürftig geworden.2)

Das Steinkreuz bei Rosall, volksmundlich "Kasweibl" genannt.Die Einritzung ist mit Kreide nachgezogen. Höhe der männlichen Figur: 126cm, Höhe des Kreuzstammes 157cm. Nach einem Foto von H. Fähnrich.


   Das Kreuz war in "Schieflage" geraten. Johann Zölch aus Wondreb machte sich mit einem Helfer daran, es wieder aufzurichten. Dazu wurde der Kreuzstamm auf der Frontseite freigelegt. Bisher Unbekanntes ließ sich dabei dokumentieren: Der Kreuzstamm ist unten abgebrochen, und zwar von vorne unten schräg nach hinten aufwärts. Das läßt dort auf eine Gewalteinwirkung schließen wie bei dem fehlenden Kreuzarm. Das Erstaunliche ist nicht die Höhe des Kreuzstammes von 157cm, sondern, daß sich die Einmeißelung bis zum jetzigen unteren Ende fortsetzt: Muskulöse Beine, dazu unbeschuhte Füße, wie es bei Totenaufbewahrung und Sarglege üblich war und ist.3) Die Figur mißt eine Höhe von 126cm. Seit mindestens 100 Jahren ist in der Überlieferung kein anderer Standort bekannt.

   Im Liquidationsplan von ca. 1840 der Gemeinde Rosall ist übrigens nirgends der kartographische Hinweis auf ein Steinkreuz zu finden. Das erschwert die folgenden Überlegungen. 1843 gehörte der heutige Standort als Flurnummer 423 1/3 zur "Waldung am Hendlmühlsteig"4) Auch in der näheren Umgebung fehlt dort ein "Kreuz"-Flurname; die historischen bzw. überlieferten "Kreuz"-Flurnamen scheinen sich ausschließlich auf große, eventuell doppelbalkige Holzkreuze zu beziehen.5) Letztere standen bzw. stehen eher abseits, meist an Flurwegen.

   Der fehlende Sockel, das Abbrechen eines Kreuzbalkens und des Kreuzstammes am untersten Ende belegen den heutigen Standort als sekundären Platz. Man darf spekulieren, daß man in der bilderfeindlichen calvinischen Zeit (kurz nach 1600) versucht hätte, es zu zerstören und in der Gegenreformation man es in der Nähe seines ursprunglichen Standortes (?) wieder aufgestellt habe...

   Die Sage irrt jedenfalls. Prof. Dr. Azzola (Trebur) meint, es könne ein Jäger am Totenbett dargestellt sein, der durch ein irrig abgefeuertes Geschoß aus der Armbrust eines anderen Jägers ums Leben gekommen sein könnte - und er gibt zu bedenken, daß ein wohl einst mannshohes, "mächtiges Mal von ca. 1,80m über dem Erdboden nicht irgendwer erhielt, sondern es muß sich schon um eine bedeutendere Persönlichkeit gehandelt haben."6)

   Es stellt sich die Frage nach dem Alter des Steinkreuzes. Darum bemühten sich Kostümfachleute des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg.7) Die "höchst kargen Befunde der Ritzzeichnung" erschweren eine eindeutige Zuordnung. Die Knöpfung, der angedeutete Stehkragen (?) lassen einen barocken Wams vermuten, "wie er im 16. oder frühen 17.Jahrhundert getragen worden ist." Die wie ein Waffenrock wirkenden Beinkleider könnten "irgendwie denn doch Pluderhosen" sein. Und die kargen Reste der Kopfkleidung erinnern "ganz entfernt an ein Barett". Diese Auskunft bedeutet, daß das Steinkreuz kurz vor oder nach der Reformationszeit hergestellt worden sein muß. Denn dieser Brauch war ein katholischer. Ob er um 1630, nach fast 80 Jahren Reformation im Stiftland, wieder aufgegriffen wurde, ist fraglich. Außerdem kaum glaubhaft: Vor allem im 17.Jahrhundert beginnt die Fülle des erhaltenen stiftischen Aktenmaterials - auch zu den Justizfällen. Und wenn das Todesgeschoß doch ein Armbrustbolzen war? Das alles deutet auf eine frühere Setzung. Ist das Kreuz vielleicht um das Jahr 1500 errichtet worden? Das "Kasweibl" von Rosall bleibt ein Rätsel.

Anmerkungen:
1) So erzählt es Johann Zölch (Bürgermeister a.D. von Wondreb), wie es ihm seine Mutter berichtet hat.
2) Bernhard Frahsek: Das "Kasweibl" von Rosall, in: Beiträge zur Flur- und Kleindenkmalforschung in der Oberpfalz, 1982, S.32. Dort auch ein Foto zum damaligen Zustand des Steinkreuzes.
3) So erzählt es die Volkstradition.
4) StA Amberg, Kataster Tirschenreuth, Nr.121 (Gde. Rosall)
5) Siehe dazu Anmerkung 4.
6) Brief vom 29.10.1989 an den Autor. Über die Zeitstellung äußerte sich Prof. Dr. Azzola (Trebur) nicht.
7) Brief von Dr. Bernward Deneke (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg) vom 11.1.1990 an den Autor und telefonische Auskunft von Dr. Ulrich Schneider (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg). Sie werden im folgenden zitiert.

(Steinkreuzforschung, Sammelband Nr.17 (NF 2), 1990, S.34-36)


Sühnekreuze & Mordsteine