Deutschland Sachsen-Anhalt Lkr. Stendal

Stendal (I)


Titelbild des Inventars
von Saal (1987)

PLZ: 39576

GPS: N 52° 36,325', O 11° 51,650'

Standort: Marienkirche. Im südlichen Chorstrebepfeiler in einer Höhe von etwa 2 Metern eingemauert.

Größe / Material: 90:34:? / Sandstein

Geschichte: Gotisches Kreuz mit zurückliegenden Armstützen, in den Winkeln, die ein Achteck von 34cmx34cm Größe bilden. Schaft und Fuß treten voll heraus, dabei ist der Fuß bündig eingemauert. Auf dem Kreuz ist ein Korpus eingeritzt, über dem Kreuz befindet sich in einem Schriftband das Wort INRI. An den weicheren Gesteinsstellen sind Verwitterungen zu bemerken. Tiefe: mind. 12 cm. Der Schaft ist 23cm hoch und der Fuß 32cm. 1. Hälfte 15. Jahrhundert. (Saal 1987)

Sage:

Quellen und Literatur:
Pflanz, P. - Die Sühnekreuze in der Altmark, in: Beiträge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde der Altmark, hrg. vom Altmärkischen Museumsverein zu Stendal, Band VI, Heft 1, 1931, S.30-33
Saal, Walter - Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg, 1987, S.20
recherchiert und bebildert von Ute Fuhrmann / Rainer Vogt, Thale (Foto von April 2007)



Stendal (II)

GPS: N 52° 36,297', O 11° 51,613'

Standort: Marienkirche. In der südlichen Turmwand in ca. 8-10 m Höhe eingemauert

Größe / Material: 85:40:? / Sandstein

Geschichte: Gotisches Kreuz mit zurückliegenden Armstützen in den Winkeln, wobei die Stützen von den Nasen ausgehen. Der Fuß ist unten 35cm breit. 1. Hälfte 15. Jahrhundert (Saal 1987)

Sage:

Quellen und Literatur:
Pflanz, P. - Die Sühnekreuze in der Altmark, in: Beiträge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde der Altmark, hrg. vom Altmärkischen Museumsverein zu Stendal, Band VI, Heft 1, 1931, S.30-33
Saal, Walter - Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg, 1987, S.20
recherchiert und bebildert von Ute Fuhrmann / Rainer Vogt, Thale (Foto von April 2007)



Stendal (III)

GPS: N 52° 36,297', O 11° 51,613'

Standort: Marienkirche. Im Anbau neben den Türmen in etwa 170cm Höhe eingemauert. Der Vorbau befindet sich an der Südseite des Südwestturmes.

Größe / Material: 112:48:? / Sandstein

Geschichte: Rechteckiger Kreuzstein mit freistehendem griechischen Kreuz in vertieftem Rundfeld, darunter der Name HANS BOLDEK und darunter nur als Rest ... CCC ... erkennbar. Sandstein. Durchmesser des Rundfeldes 47cm, Armlänge des Kreuzes 39cm bei 9cm Armbreite. Um 1400.
Die Boldeckes sind ob 1325 in Stendal nachweisbar, darunter ein Hans Boldeke 1328. - Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Stein das Grab eines Hans Boldecke (oder Woldeck) bezeichnete, das bei Errichtung des Anbaues beseitigt werden mußte, wobei der Stein etwa am alten Standort wieder eingemauert wurde. (Saal 1987)

Sage:

Quellen und Literatur:
Pflanz, P. - Die Sühnekreuze in der Altmark, in: Beiträge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde der Altmark, hrg. vom Altmärkischen Museumsverein zu Stendal, Band VI, Heft 1, 1931, S.30-33
Saal, Walter - Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg, 1987, S.20
recherchiert und bebildert von Ute Fuhrmann / Rainer Vogt, Thale (Foto von April 2007)



Stendal (IV)

GPS: N 52° 36,337', O 11° 51,653'

Standort: Marienkirche. Im mittleren Chorstrebepfeiler in einer Höhe von 195cm eingemauert.

Größe / Material: 182:97:? / Sandstein

Geschichte: Im mittleren Strebepfeiler der Apsis fällt eine Sandsteinskulptur auf, eine sogenannte "Kleine Kreuzigung" (Kruzifix mit Maria und Johannes) und darunter ein kniender Mann. Es ist ein Sühnebild, das von vier Patriziersöhnen gestiftet wurde. Diese hatten im Jahre 1428 Albert Querstedt im Streit erschlagen und mußten nach der Sitte der Zeit in dieser Form und durch eine beträchtliche Geldzahlung an die Verwandten des A. Querstedt Sühne leisten und wurden außerdem durch kurfürstliche Verfügung aus Stendal verbannt. (Rönnebeck 1993)

Votivtafel mit erhabener "kleiner Kreuzigung" und darunter knieendem Mann, von dem sich ein Schriftband mit den Worten: Sancta maria ora p me zur Kreuzigung hochzieht. Die Kreuzigung selbst trägt die Umschrift: ott. erme. is. na. gesät albrecht, querstede. hie. erslaghen. is. am. iare. dusent. iar. cccc. i. dem. sesten. un. twinttgesten. iare, alt. Ein weiterer Inschriftrest beginnt an der rechten oberen Ecke des Viereckes um den Beter mit Sua anima, es folgt das kopfstehende requiescat links vom Spruchband und endet auf der linken Seite mit in pace amen. Im Zusammenhang auf deutsch: "Seine Seele ruhe in Frieden. Amen." Nicht zu entziffern sind die Zeichen vom rechten Spruchbandrande bis zur rechten oberen Ecke des Viereckes. Die Platte zeigt nur geringe Pickschäden, sonst ist sie gut erhalten. Um 1430.
Aus dem Text geht klar hervor, daß die Tafel zur Sühne für einen 1426 erfolgten Totschlag an Albrecht Querstedt hergestellt ist. Sie kann nach der Anordnung des Bildes und der Texte in eine Sockelplatte eingelassen gewesen sein, d.h. sie kann freistehend gestanden hoben. Der Chor der Marienkirche wurde zwischen 1435 und 1447 erbaut, so daß also die Einmauerung verhältnismäßig früh erfo!gte.
In der Umschrift ist dos letzte Wort alt unklar. Möglicherweise hat der des Schreibens wenig bewanderte Steinmetz das Wort gewohnheitsmäßig zugesetzt. Auch das kopfstehende requiescat spricht ja für eine solche Einschätzung.
1426 amtiert Gerhard Querstedt gemeinsam mit einem Boldeke als Bürgermeister. Ein Albrecht Querstedt hat nach Ausweis der Erfurter Universitätsmatrikel 1402 in Erfurt studiert. Am 23. Januar 1425 erfolgt ein Schiedsspruch des Stendaler Schöffenstuhles in Sachen A. Querstedt gegen C. Buchholz, wobei festgestellt wurde, daß letzterer seine Befugnisse überschritten hatte. - Nach einer weiteren Urkunde vom 2. Oktober 1426 im Stadtarchiv Stendal, in der Gerhard und Albrecht Querstedt namentlich genannt werden, muß Albrecht Querstedt an diesem Tage noch gelebt haben. - Nach einer weiteren Urkunde im Kurmärkischen Lehnskopialbum waren die Totschläger von Albrecht Querstedt Angehörige der besten Stendaler Familien: Hildebrand Noppow, Hans Buchholz, Werner Calve und Boldewin Boldeke. Alle 4 waren aus Stendal geflohen, hatten aber bald darauf den Verwandten des Erschlagenen "redliche Verbüßung und Sühne" angeboten. - Wie diese Sühne auslief, ist nicht bekannt. Da die Totschläger sich aber an Markgrafen Johann, den Stellvertreter des Kurfürsten, mit der Bitte um freie Rückkehr nach Stendal wandten, verfügte dieser am 9. März 1428, daß sie überall in der Mark sicher leben könnten, außer im Stendaler Gerichtssprengel, d.h. er verbannte sie aus ihrer Vaterstadt, doch scheint die Verbannung bald darauf zurückgenommen zu sein, denn Hildebrand Noppow ist 1429 und Werner Calve 1435 in Stendal nachweisbar. (Saal 1987)

Sage:

Quellen und Literatur:
Pflanz, P. - Die Sühnekreuze in der Altmark, in: Beiträge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde der Altmark, hrg. vom Altmärkischen Museumsverein zu Stendal, Band VI, Heft 1, 1931, S.30-33
Rönnebeck, Kurt - Die St. Marienkirche zu Stendal, 1993, Evangelische Stadtgemeinde Stendal, überarbeitete Auflage von 2005.
Saal, Walter - Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg, 1987, S.20-21
Azzola, Friedrich Karl - Mord und Sühne - Das Bildepitaph des Albrecht Querstede (nach 1426) an der St. Marienkirche in Stendal, in: Archäologie in Sachsen-Anhalt, Bd.4, 2006 (2007), S.408-409
recherchiert und bebildert von Ute Fuhrmann / Rainer Vogt, Thale (Foto von April 2007)



Mord und Sühne - Das Bildepitaph des Albrecht Querstede (nach 1426)
an der St. Marienkirche in Stendal

Friedrich Karl Azzola, Trebur

Abb.1 Das Bildepitaph und Sühnemal(?) des erschlagenen Albrecht Querstedt im östlichen Chorstrebepfeiler (außen) der St. Marienkirche in Stendal (nach 1426).

Abb. 2 Stendal (Altmark). St. Marien-Kirche. Am Strebepfeiler rechts der eingefügte Bildstein.

Im östlichen Chorstrebepfeiler der St. Marienkirche zu Stendal befindet sich in ungefähr 2m Höhe ein 1,61m hohes und 0,99m breites, aus einem hellen Sandstein gefertigtes Monument (Abb.1). Es wird von einem in erhabenem Flachrelief gehauenen gekreuzigten Christus, begleitet von den beiden Assistenzfiguren Maria (links) und Johannes (rechts), beherrscht. Alle drei Figuren sind von vorzüglicher bildhauerischer Qualität. Darunter kniet inmitten eines eingetieften Quadrates ein ebenfalls im Flachrelief dargestellter Mann, der mit seiner rechten Hand ein Spruchband hält. Die Inschrift dieses Bandes lautet:
sancta maria ora p(ro) me

   Der gekreuzigte Christus mit Maria und Johannes oben und dem knienden Adoranten darunter weisen das Monument als Bildepitaph aus, zumal dem Denkmal ein grob zugehauener Sockel fehlt. Demnach hat das Denkmal nie frei im Gelände, auf einem Kirchhof oder in der Flur gestanden, sondern es war der Funktion eines Epitaphs entsprechend zur Anbringung in der Außenwand einer Kirche vorgesehen.

   Die Kreuzigungsszene umgibt eine ausführliche Umschrift in gotischen Minuskeln. Sie ist in der Literatur zwar bekannt (Saal 1987,20 f. u.Taf. IX,52, m. weiterer Lit.), doch ist ihre bisherige Lesung unbefriedigend. Gemeinsam mit Herrn Dr. Rüdiger Fuchs (Inschriftenkommission der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz) schlägt der Verfasser deshalb folgende neue Lesung vor. Sie beginnt links unten und hat den Wortlaut:

dit cruce is na gesät albrecht querstede/
vie erslaghen is am iare dusent/
iar cccc i(n) dem(m) sesten(n) un(n)
twintigesten iare an/
sunte vits daeg requ(i)escat


   Die Inschrift setzt sich links neben dem unteren Quadrat mit dem Adoranten fort; sie ist von links zu lesen und lautet:

in pace ame(n)


   Die Kürzeln rechts von der Kreuzigungsszene sind hier aufgelöst und die zu ergänzenden Buchstaben in der dritten Zeile des Inschriftentextes in runde Klammern gesetzt.
   Der Tag des hl. Veit (lat. Vitus) ist der 15.Juni. Demnach wäre Albrecht Querstede am 15.Juni 1426 erschlagen worden, doch kann dies nicht zutreffen, da in einer Urkunde vom 2.Oktober 1426 im Stadtarchiv Stendal Gerhard und Albrecht Querstedt genannt werden (Saal 1987, 20f.). Da noch im 18.Jh. die Daten auf Grabsteinen gelegentlich nicht mit den zugehörenden Eintragungen in Kirchenbüchern übereinstimmen, darf man auch in diesem Fall eine Diskrepanz vermuten: Albrecht Querstede wäre demnach erst am 15.Juni 1427 umgekommen. Da sich ein Sühneprozess mit der anschließenden Fertigung des Bildepitaphs über einen längeren Zeitraum hinzog, war das Monument wohl erst vollendet, als man 1435 bereits mit dem Bau des Chores begonnen hatte. So ließ sich das Epitaph unmittelbar in den östlichen Chorstützpfeiler einbeziehen.
   Zwar ist das Denkmal (Abb.1) nach seinem Aufbau und der Position seiner Anbringung an der Stadtkirche St. Marien ein Bildepitaph, doch darf man annehmen, dass Albrecht Querstedes Mörder den Stein und die Arbeit des ausführenden Steinmetzen als Teil seiner Sühneleistungen bezahlen musste. Insofern vereint das Denkmal in sich die Funktion eines Bildepitaphs mit der eines Sühnemals.

Literatur: Saal 1987
W. Saal, Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg (Halle [Saale] 1987).
Abbildungsnachweis: 1   K.F. Azzola
2   Frank Mühlenberg, Stendal

(Archäologie in Sachsen-Anhalt, Bd.4, 2006 (2007), S.408-409)



Stendal (V)

GPS: N 52° 36,030', O 11° 51,837'

Standort: Katharinenkirche. Im südlichen Chorstrebepfeiler in einer Höhe von 190cm eingemauert.

Größe / Material: 90:48:?

Geschichte: Gut erhaltenes gotisches Kreuz, mit Nasen, sich verbreiterndem Fuß und erhabenem Korpus auf dem Kreuz. Über dem Haupt Christi befindet sich die Inschrift: betece voldeke dem got gnedig si. 1441. Die Armzwickel haben zurückliegende Armstützen; das durch sie gebildete Achteck ist 47cmx47cm groß. Ein eigentlicher Sockel fehlt, doch kann das Kreuz als Grabkreuz dienen bzw. gedient haben, wurde die Kirche in dieser Form doch erst zwischen 1469 und 1490 errichtet. (Saal 1987)

Sage:

Quellen und Literatur:
Kupka, P.L.B. - Das Mordkreuz am Ostchore von St. Marien, in: Beiträge zur Geschichte und zur Landes- und Volkskunde der Altmark, Ban VI (1931-37), S.377-382
Pflanz, P. - Die Sühnekreuze in der Altmark, in: Beiträge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde der Altmark, hrg. vom Altmärkischen Museumsverein zu Stendal, Band VI, Heft 1, 1931, S.30-33
Saal, Walter - Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg, 1987, S.20
Azzola, Friedrich Karl - Grabmal eines urkundlich Unbekannten - Der Grabstein des Bernhard Pulltkin (1441) an der Außenseite der St. Katharinenkirche zu Stendal, in: Archäologie in Sachsen-Anhalt, Bd.4, 2006 (2007), S.410-411
recherchiert und bebildert von Ute Fuhrmann / Rainer Vogt, Thale (Foto von April 2007)



Auszug aus:
Die Sühnekreuze in der Altmark
von P. Pflanz

   Die Steinkreuze in Stendal. Kein Ort der Altmark hat soviel Steinkreuze aufzuweisen wie Stendal. In der Außenwand der Marienkirche, der alten Bürgerkirche dieser Stadt, finden sich nicht weniger als drei solcher Kreuze eingemauert: das eine (Abb.1) in einem südöstlichen Chorstrebepfeiler, in einer mauernische eingelassen, 0,90m hoch und 0,35m breit, Muschelkalk mit vielen Poren, in gotischer Form, die Figur des Gekreuzigten darauf eingeritzt. F. Adler (Mittelalterl. Backstein-Bauwerke des Preuß. Staates Bd. I: Die mark Brandenburg, II Die Altmark, S.61) beschreibt es kurz und gibt es in Holzschnitt wieder, er setzt es "der strengen Haltung zufolge" jedenfalls in das Ende des 14. Jahrhunderts. Obgleich es einen Sockel hat, wird es doch wohl kaum längere Zeit frei in der Erde gestanden haben, sonst wäre es nicht so gut erhalten. - Ein zweites Kreuz (Abb.2) ist in den neuen Vorbau der vor der Westseite des südlichen Turmes dieser Kirche steht. eingemauert: eine rechteckige Platte aus Muschelkalk, 1,12m hoch und 0,50m breit, in ihrem oberen Teil eine vertiefte Kreisfläche von 0,47m Durchmesser, aus der sich ein Kreuz in Malteserform heraushebt. Unter dem Kreis in gotischen Buchstaben: "Hans Boldeck", darunter rechts noch drei C (?), vielleicht eine Jahresangabe. Wo dieser Stein ursprünglich eingemauert war - denn frei gestanden hat er sicher nie - ist mir nicht bekannt.

   Ein drittes Steinkreuz (Abb.3) sieht man in etwa 20m Höhe in der Südwand des südlichen Marienkirchturms, in einer schmalen Nische eingemauert. Es scheint aus Sandstein zu sein; die Kreuzarme sind kleeblattförmig, der Sockel ist ziemlich lang. Nach den Ziegelsteinen der Einfassung berechnet, beträgt die Höhe des Kreuzes 0,90m, die Breite 0,30m. Dies Kreuz sieht eher so aus, als ob es ursprünglich irgendwo frei in der Erde gestanden hat, aber wo - und wann und warum es denn da oben in die Wand des Kirchturms eingemauert ist, darüber ist wohl in Stendal nichts bekannt. Die meisten Stendaler haben vielleicht das Kreuz überhaupt noch nicht bemerkt.
   Außer diesen drei Steinkreuzen findet sich nun an der Marienkirche noch eine Gedächtnistafel eingemauert: am östlichen Chorstrebepfeiler. "Auf derselben zeigt sich in schwachem Relief die Kreuzigung des Heilanda mit Maria und Johannes, unterhalb derselben ein Bürger kniend mit dem Spruchbande: Sancta maria ora pro me. Die schwer leserliche Umschrift besagt, daß siese Tafel dem im Jahre 1427 erschlagenen Bürger Albrecht Querstedt gesetzt worden ist" (Adler a.a.O. S61). Also auch ein Sühnemal, aber kein Sühnekreuz, daher gehört es eigentlich nicht mehr in den Rahmen dieser Abhandlung hinein.
   An einem südöstlichen Chorstrebepfeiler der Katharinenkirche in Stendal ist in eine Nische ein Kreuz (Abb.4) eingelassen, das viel Aehnlichkeit hat mit dem Kreuz an dem südöstlichen Chorstrebepfeiler der Marienkirche.
   Es ist von Sandstein, 0,90m hoch, 0,49m breit, zwischen den Kreuzarmen gotische Zwickel, auf dem Kreuz ein Flachrelief, etwas schablonenhaft, die Figur des Gekreuzigten, zu seinen Häupten die eingemeißelte Schrift: "beteke volekin - deme got gnedig si 1441" (nach Kupka). Einen Sockel hat dieses Kreuz nicht, hat also sicherlich nie frei in der Erde gestanden, wofür auch seine gute Erhaltung spricht.
   Außer diesen 4 Sühnekreuzen hat Stendal nun noch ein solches Kreuz vor dem Uenglinger Tor gehabt. Davon wird unter den "Verschwundenen Kreuzen" die Rede sein. Das ist das einzige gewesen, von dem sich eine Sage erhalten hat. Von den übrigen ist mir keine Sage bekannt geworden. Vielleicht finden sich aber in alten Stendaler Stadtbüchern, Gerichtsakten u. dergl. Nachrichten über diese Kreuze, vielleicht gar ein Gerichtsurteil, das zur Setzung eines dieser Sühnekreuze geführt hat. Vielleicht erklärt sich die auffallende Häufigkeit dieser Sühnezeichen an der marienkirche durch die Nähe des Rolands, der ja durch das Sinnbild höchster städtischer Gerichtsbarkeit gewesen ist.
(aus: Pflanz, P. - Die Sühnekreuze in der Altmark, in: Beiträge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde der Altmark, hrg. vom Altmärkischen Museumsverein zu Stendal, Band VI, Heft 1, 1931, S.30-33)



Grabmal eines urkundlich Unbekannten - Der Grabstein des Bernhard Pulltkin (1441)
an der Außenseite der St. Katharinenkirche zu Stendal

Friedrich Karl Azzola, Trebur

Abb. 1 Der Grabstein des Bernhard Pulltkin im ersten südöstlichen Chorstützpfeiler (außen) der St. Katharinenkirche zu Stendal (1441).

Abb. 2 Stendal (Altmark). St. Katharinen-Kirche. Am Strebepfeiler links der eingefügte Bildstein.

Im ersten, südöstlichen Stützpfeiler der St. Katharinenkirche zu Stendal ist außen in ca. 2m Höhe über dem Boden ein 90cm hohes und 49cm breites, aus einem hellen Sandstein gefertigtes spätmittelalterliches Monument eingesetzt. Sein konisch-trapezförmiger Sockel ist unten nur roh behauen und steckte einst im Boden (Abb.1). Deshalb muss der Stein zunächst in der Art eines Grab- oder Flurdenkmals frei stehend gewesen sein. Da das Monument bei der Errichtung des Chores zwischen 1469 und 1490 in den Strebepfeiler eingebaut wurde, darf man annehmen, dass es einst nahe der Kirche; also auf dem historischen Kirchhof, aufgestellt war. Man wird es deshalb als einen spätmittelalterlichen Grabstein ansprechen dürfen.

   Das Denkmal wird von einem nasenbesetzten Kreuz vor einem Achteck als Hintergrund bestimmt. Das Corpus des in einem erhabenen Flachrelief ausgeführten gekreuzigten Christus ist offensichtlich vom Steinmetzen nicht ausgearbeitet worden. Vielmehr begnügte er sich damit, nur die Kontur des Leibes Christi anzudeuten. In die Fläche legte er auch die drei unförmigen Nägel an den Händen und Füßen.

   Der Kopf des nasenbesetzten Kreuzes trägt eine vierzeilige Inschrift, deren bisherige Wiedergabe in der Literatur (Saal 1987, 20 Taf. VIII, 48, m. weiterer Lit.) nicht überzeugt. Insbesondere der Vorname des Mannes, auf den sich die Inschrift bezieht, erscheint unglaubwürdig. Nach eingehender Beratung mit Herrn Dr. Rüdiger Fuchs (Inschriftenkommission der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz) lautet das erste Wort der obersten Zeile, also der Vorname des Toten, berne. Über dem letzten Buchstaben "e" kann man einen Strich als Kürzel erkennen, das zu einem "n" aufzulösen ist. Diesen Buchstaben muss man an den gelesenen Namen anhängen. Demnach würde der Vorname bernen lauten, wohl eine damals übliche lokale Kurzform für Bernhard.

   Auch dem in der Literatur (Saal 1987, 20) vorgeschlagenen Familiennamen kann man nicht folgen, wobei die dicht gepackten Buchstaben im Hinblick auf ihre Identifizierung große Schwierigkeiten bereiten. Die plausibelste Möglichkeit für den Namen ist pulltkin. Der Vokal "u" erscheint selbstverständlich als "v", und das voranstehende "p" ist mit dem "v" durch eine Art Ligatur verbunden. Demnach ist die Inschrift des abgebildeten Stendaler Grabsteins wie folgt zu lesen:

berne(n) pul- / Itkin deme / got gnedi- / g si 1441


   Bemerkenswert früh ist die Jahreszahl bereits in arabischen, spätgotischen Ziffern ausgeführt.

   Vielleicht gelingt es bei künftigen stadtgeschichtlichen Forschungen, den Namen Bernhard Pulltkin / Pultkin auch noch in anderer, vornehmlich schriftlicher Überlieferung nachzuweisen1).

Anmerkungen: 1)   Frau Simone Habendorf vom Archiv der Stadt Stendal danke ich für ihr Schreiben vom 13.05.2004.
Literatur: Saal 1987
W. Saal, Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg (Halle [Saale] 1987).
Abbildungsnachweis: 1   K.F. Azzola
2   Frank Mühlenberg, Stendal

(Archäologie in Sachsen-Anhalt, Bd.4, 2006 (2007), S.410-411)


Sühnekreuze & Mordsteine